Rede zur Jugendweihe

Blog, 15. Mai 2010

Mit Stolz und Freude, aber auch aufgeregt stehe ich heute vor Ihnen. Es ist meine erste Jugendweiherede und ich möchte dazu beitragen, dass dies für Euch und Sie alle ein schöner Tag wird. Und vielleicht werden Sie sich später beim Erinnern an diesen Tag auch den einen oder anderen Gedanken, den ich Euch mit auf dem Weg geben möchte ins Gedächtnis rufen und darüber nachdenken.
An die Rede, die vor vierzehn Jahren auf meiner Jugendweihe gehalten wurde kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe die Hoffnung, dass mir dies besser gelingen wird und bin froh darüber, dass wir schon die Chance hatten uns gegenseitig ein wenig kennen zu lernen. Mir war das wichtig. Ich würde mir heute hier sehr komisch vorkommen, wenn ich euch noch nie ins Gesicht gesehen hätte. Unser Gespräch hat mir geholfen mich auf diesen Tag vorzubereiten und ich hoffe, dass ich dadurch für euch eine Rede halten werde, die euch interessiert und, in der ihr euch aufgehoben fühlt.

In den vergangenen Tagen, in der Vorbereitung auf unsere heutige Veranstaltung ist bei euch zuhause bestimmt die klassische Umschreibung, die eigentliche Zielstellung und vielleicht auch für manchen die Hoffnung gefallen heute in den „Kreis der Erwachsenen“ aufgenommen zu werden.

Ohne euch jedoch Träume und Illusionen zerstören zu wollen: Ich glaube, dass funktioniert so nicht. Niemand wird von heute auf morgen erwachsen. Und ich glaube, dass dies auch gar nicht erstrebenswert wäre.

Der Tag heute kann uns aber anregen darüber nachzudenken, wie wir uns unser Erwachsensein vorstellen, wie es sein soll und wie bitte schön auch nicht. Manch einer von euch hat sicherlich schon einmal gedacht: „So, wie meine Eltern leben möchte ich das später mal nicht.“ Und ein anderer denkt sich vielleicht: „Ich wäre schon froh, wenn ich das so gut, wie meine Eltern hinbekommen würde.“ Unsere Eltern sind uns Vorbilder – so oder so. Und auch wenn man sich entscheidet manches oder sogar alles anders zu machen als sie heißt dies nicht, dass man sie nicht leiden könnte oder mit ihnen nichts zu tun haben möchte. Das richtet sich jetzt auch an eure Eltern. Die Welt ist bunt und vielfältig! Es gibt nicht den einen richtigen Weg zu Leben. Ich bin mir sicher, dass jeder von euch auf seine Art glücklich werden wird. Glück und Zufriedenheit sollten der Maßstab eures Lebens sein.

Mit jedem Tag, den ihr älter werdet werdet ihr Entscheidungen treffen. Manch einer von Anfang an, die für ihn richtigen Entscheidungen treffen.  Andere  werden Umwege gehen. Viele Entscheidungen kann man revidieren und neu fällen. Manche Entscheidung fällt man nur einmal. Erwachsensein bedeutet in diesem Sinne seine Entscheidungen abzuwägen. Zu prüfen, wohin euch die Entscheidung führt, welche Konsequenzen sie für euch selbst, aber auch für die Menschen, die euch wichtig sind haben wird.

Durch all die Entscheidungen, die ihr treffen werdet werdet ihr ihr selbst und dadurch auch erwachsen. Das meine ich, wenn ich sage, dass es nicht von einem zum anderen Tag passiert. Durch diese Entscheidungen werden eure Eltern und Verwandten, eure MitschülerInnen und Freuden erkennen wer ihr seid. Ihr alle lebt bereits ein Leben und ich hoffe ihr seid glücklich. Ob ihr eure Leben aber so weiter leben werdet merkt ihr erst, wenn ihr selbst über alles entscheiden könnt. Und auch wer sein Leben komplett umkrempeln wird kann vorher glücklich und zufrieden gewesen sein.

Werdet ihr Haustiere haben? Ihr habt jetzt vielleicht eine Katze oder einen Hund. Habt ihr euch bewusst dafür entschieden oder war es vielleicht nicht nur einfach immer da? Werdet ihr Kinder haben? Möchtet ihr Kinder großziehen oder warten die Eltern vielleicht einfach nur auf den Enkel, fragen die Kollegen ständig, wann es so weit ist? Werdet ihr ein Haus oder ein Auto haben? Vielleicht, weil alle eines haben. Vielleicht, weil ihr es benötigt. Hoffentlich, weil ihr es so wollt. Werdet ihr als Mechatroniker arbeiten oder als Lehrerin? Weil eure Eltern möchten, dass ihr den Betrieb fortführt, weil sie selber an der Schule gearbeitet haben? Vielleicht aber auch, weil ihr genau dies bei eurem Traumberuf seit Jahren in online-Communities und Blogs veröffentlicht habt?

Manch einer weiß schon jetzt, wie sein Leben aussehen soll und er wird zu Hundertprozent glücklich damit werden. Und ein anderer wird merken, dass sein Leben in ganz anderen, ungeplanten Bahnen verläuft als er oder sie es sich je vorgestellt haben. Wichtig ist mir nur, dass ihr eure Entscheidungen daran ausrichtet, was euch glücklich machen wird. Es bringt nichts ein Leben zu leben, dass andere von euch erwarten, in dem ihr euch aber nicht wohlfühlt.

Ich möchte heute einen Beitrag dazu leisten, dass ihr stark sein werdet euch für euch zu entscheiden und dabei ehrlich gegenüber euren Familien und Freunden zu sein. Ich möchte euch dazu ermutigen stark zu sein, wenn es darum geht nicht Sekretärin werden zu wollen, sondern Biochemielaborantin. Wenn ihr Fernsehmoderator, statt Polizist werden wollt. Gleichzeitig möchte ich aber auch, dass ihr euch informiert und abwägt bevor ihr eure Entscheidungen trefft. Tauscht euch mit euren Freunden und Familien aus, zieht sie zu Rate und hört immer auch genau in euch hinein. Erfragt, ob es zu dem einen oder anderen Ziel nicht auch einen anderen Weg geben kann, als vielleicht den nahe liegendsten.

Es gibt viele Möglichkeit viel Geld zu verdienen, ohne bei der Ausübung des Berufs Angst um sein eigenes Leben haben zu müssen. Hat man sein Leben aber verkackt, wenn man mit schlechten Noten nach Hause kommt, weniger Geld verdient, wenn man kein eigenes Haus gebaut hat oder kein großes Auto fährt? Das kann nur jeder für sich selbst beantworten. Wenn es euch selbst wichtig ist, dann strebt danach mit aller Kraft, mit eurem ganzen Elan und eurem Engagement. Aber bitte nicht, wenn ihr damit nur jemand anderem gerecht werden möchtet.

All das hört sich für euch wahrscheinlich nicht sehr optimistisch und wenig erstrebenswert an. Ich sage euch: es ist erstrebenswert! Es lohnt sich dieses Leben offen, aktiv und mit großer Neugierde anzugehen. Ja, es gibt eine Menge Wagnisse und Fallstricke. Jede Entscheidung kann die falsche sein – Na klar. Aber ihr habt es in der Hand. Es wird möglicherweise Rückschläge geben, Mancher Plan wird nicht aufgehen, man wird nicht alles auf einmal haben können – ok. Vielleicht gibt es die Ausbildung, die ihr gerne absolvieren möchtet nicht dort, wo es eure Freunde hinzieht. Vielleicht gibt es sie, aber ihr werdet nicht angenommen. Ihr werdet angenommen, aber es gefällt euch nicht. Es ist vielleicht nicht so, wie ihr euch das vorgestellt habt. Vielleicht ist die Arbeit ganz toll, aber die Kollegen sind großer Mist.

Versucht bei allem konsequent zu sein, korrigiert euch, wenn es so sein soll und geht euren Weg, wenn es wirklich eurer ist. Wartet nicht darauf, dass euch jemand sagt, was ist, sondern findet es allein heraus. Entscheidungen können verdammt schwer fallen und nerven. Aber genau diese Entscheidungen ermöglichen es uns unser Leben zu leben.

Ich habe jetzt die ganze Zeit nur von euch als alleiniger Person gesprochen. Viele von euch wünschen sich jedoch, nicht  allein zu sein. Ich glaube es wird verdammt wenig Menschen hier in unserer Runde geben, die gerne allein leben möchten. Das festzustellen ist ja nun das eine. Viel schwieriger wird es genau die Menschen um sich zu finden, mit denen man gemeinsam leben möchte. Manch einer wird sein ganzes Leben lang in Freundschaft und Kontakt zu dem Menschen stehen, der gerade jetzt neben ihm sitzt. Und ein anderer wird seine Freunde und Freundinnen fürs Leben, seine Partnerin vielleicht erst in Jahren kennenlernen. Vielleicht aber auch schon morgen. Erkennen wird man diese Menschen daran, dass ihr euch gemeinsam in vielen Fällen so entscheiden werdet, wie ihr es allein getan hättet. Ihr werdet feststellen, wie gut es tut Probleme miteinander zu beraten, schwierige Situationen nicht alleine durchstehen zu müssen, euch jemandem anvertrauen zu können. Es wird jemand sein, der fühlt, was ihr möchtet, der euch helfen wird diesen Weg zu gehen und der euch bestärkt und unterstützt.

Ich wünsche euch, dass ihr glücklich werdet und bin mir sicher, dass ihr euren Weg findet. Gleichzeitig möchte ich diesen Tag aber auch nutzen, um euch darum zu bitten auf der Suche nach eurem eigenem Leben, eurem eigenem Glück und eurer Zufriedenheit die Menschen, mit denen ihr lebt, zum Beispiel eure Nachbarn, die Menschen, mit denen ihr gemeinsam an der Haltestelle auf den Bus wartet, Menschen, die ihr beim Spazieren mit dem Hund trefft nicht aus den Augen zu verlieren. Ich möchte euch bitten einen Blick für eure, für unsere Mitmenschen zu haben. Bitte verliert die Gesellschaft nicht aus dem Blick. Ich meine damit nicht, dass ihr sie beobachten und gegebenenfalls anschwärzen sollt. Ich meine damit, dass ihr euren Blick nicht vor den Problemen in unserer Gesellschaft verschließt.

Ihr werdet Mitmenschen treffen, die es sich nicht leisten können in den Urlaub zu fahren, ins Kino oder zum Konzert zu gehen. Menschen mit Behinderungen. Menschen, die ihre Arbeit verloren haben oder sogar noch nie einen festen Arbeitsplatz hatten. Menschen die anders sind. Oder aber Menschen, die den ganzen Tag hart arbeiten und trotzdem zum Amt gehen müssen, weil ihr Geld nicht zum Leben reicht. Ich möchte, dass ihr diese Menschen nicht gering schätzt, weil sie weniger Geld haben, anders, benachteiligt oder arbeitslos sind. Die meisten Menschen haben sich dieses Schicksal nicht ausgewählt.

In unserer Gesellschaft ist nicht Alles in Ordnung, schon gar nicht perfekt. Vielleicht gibt es die perfekte Gesellschaft auch gar nicht. Wir alle können aber dazu beitragen, diese Welt lebenswerter zu machen. Ich würde mich freuen, wenn ihr euer Glück und eure Zufriedenheit teilen würdet mit den Menschen, die weniger davon haben. Ich meine damit nicht zwingend Geld. Ich wünsche mir eure Solidarität. Gebt den Menschen das Gefühl nicht allein zu sein. Schaut hin und nicht beschämt weg. Lächelt, wenn ein Lächeln helfen kann. Unterstützt, wenn es möglich ist. Helft. Interessiert euch füreinander. Seid solidarisch.

Niemand wird euch euer Auto neiden, euer Haus für unangemessen halten, euren Urlaub madig machen oder über euch die Nase rümpfen, solange, wie ihr euch euren offenen Blick für die Mitmenschen bewahrt, helft, wenn es geht und Solidarität übt. Niemand ist vielleicht übertrieben, aber ich bin mir sicher, dass ihr mich schon verstanden habt.

Ich freue mich, wenn ihr diesen Gedanken für euch verwirklichen würdet und möchte euch auch keine Angst machen, wenn ich euch sage, dass jeder von uns – jeder –  ganz schnell und unverschuldet in Situationen geraten kann, wo man sich eben jene Hilfe, das Lächeln, die Solidarität herbeisehnt und sie gerne empfängt.

Liebe Eltern, Großeltern und Verwandte,

ihnen gebührt an diesem Tag großer Dank. Sie haben sich vor 14, 15 Jahren dafür entschieden diese jungen Menschen zur Welt zu bringen. Aber nicht nur das. Sie haben sie bis hierher gebracht. Sie waren da, als ihr Nacht für Nacht nicht schlafen wolltet, als ihr, wie am Spieß brülltet, weil die ersten  Zähne euch Schmerzen bereitet. Sie waren es, die euch jeden Tag zum Kindergarten gebracht haben und auch wieder abholten. Sie haben euch die Zuckertüte zur Einschulung befüllt und euch Unterstützung gegeben, wenn es dann mit dem Lesen Lernen oder Rechnen nicht so voranging.  Sie, liebe Eltern haben sich, vielleicht gerade in letzter Zeit, so manch unflätige Bemerkungen von euch anhören müssen, wenn es um die Kleidung am heutigen Tag ging zum Beispiel oder weil sie, in euren Augen, zu neugierig waren als sie fragten, ob hinter der ein oder anderen Freundschaft vielleicht schon etwas mehr steckt.

Vielen Dank liebe Eltern! Vielen Dank auch schon einmal für die kommenden Jahre, damit sie jetzt nicht denken, dass es das schon gewesen ist. Viele wichtige Entscheidungen stehen ja erst noch an und bestimmt wird ihre Meinung, ihr Rat dann vielleicht ungern gefragt, aber doch gern gehört werden. Die Phase, wo man ungeniert um Hilfe und Rat fragt kommt aber wieder.

In euren Augen bin ich wahrscheinlich schon erwachsen. In meinen Augen bin ich das noch nicht ganz. Und, wie das mit dem Blickwinkel meiner Frau auf mein Erwachsensein aussieht diskutieren wir an dieser Stelle zum Glück nicht. Was ich aber sagen möchte ist, dass ich sehr dankbar bin nicht nur zwei, sondern vier Eltern zu haben, die ich, neben meiner Frau, um Rat fragen kann, die mir helfen meinen Weg zu gehen. Die mich stärken Erwachsen zu werden.

Sie sehen liebe Eltern, da kommt unter Umständen noch Einiges auf sie zu.

 

Liebe Jugendliche,

Ich wünsche euch ein ganz wunderbares Leben, viel Glück und Zufriedenheit. Ich wünsche euch den einen oder anderen Stein auf eurem Weg, nicht aber dass ihr darüber stolpert. Ich wünsche uns allen Gesundheit und Frieden.

Ich wünsche euch einen wunderbaren Tag. Genießen wir dieses eine Leben.

3 Gedanken zu “Rede zur Jugendweihe

  1. Hallo also mein Anliegen ich habe demnächst auch Jugendweihe und ich muss dort eine Rede halten weiß aber nicht was ich schreiben kann bzw. soll ich wollte also Fragen ob ich mir Ideen aus deiner Rede rausnehmen kann und sie weiter verwenden darf? Ich würde mich über eine Antwort freuen Gruß Jasmin

  2. Hallo Torsten,
    auf der Suche nach Tipps für eine gute Rede für meinen Blog, bin ich auf deine Seite gestoßen.
    Dein Artikel ist wirklich schön geworden, man merkt wirklich wie sehr dich das interessiert unseren jungen Erwachsenen zu helfen.

    Besonders, dass du auf Lebensumstände wie Beruf, Famile und Freunde tiefer eingehst, hat mir sehr gefallen.
    Schade das dein Artikel nicht auf der Google seite 1 sitzt, dort könnte er einer Vielzahl junger Menschen helfen.
    Mfg

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